Atelierbesuch bei Maria Elisa Quiaro, K²-Studios
Kann man vor lauter Staunen weinen?
Wir Menschen weinen meist aus Trauer oder vor Wut, manchmal auch vor Freude. Aber kann uns auch das Staunen zu Tränen rühren? Am 11. August besuchte der Verein Glut und Gerne die venezolanische Künstlerin María Elísa Quiaro in ihrem Atelier in den K² Studios. Die Veranstaltung war gut besucht und voller emoción, wie es im Spanischen heißt: voller Gefühl, Wärme und Temperament.
An diesem Abend war das ganze lateinamerikanische Feuer zu Gast. María Elísa nahm ihre Besucherinnen und Besucher mit auf eine Reise – in ihre Vergangenheit, zu den Wurzeln ihrer Familie und zugleich mitten hinein in ihre künstlerische Gegenwart.
Ihre Lebensgeschichte erscheint wie ein rasantes Road-Movie. Als studierte Grafikerin und Journalistin führte ihr Weg von Venezuela über die USA bis nach Cardiff in Großbritannien, wo sie einen Master of Arts mit dem Schwerpunkt Keramik absolvierte. Schließlich landete sie – vor fast 30 Jahren – mitten im Herzen von Grenzhausen, als Artist in Residence in der Keramikgruppe Grenzhausen.
Es ist eine Geschichte, die von Mut erzählt. Von dem Mut, immer wieder aufzubrechen, sich neu zu erfinden und den eigenen Weg zu gehen – auch dann, wenn dieser Weg nicht vorgezeichnet ist.
Heute arbeitet María Elísa als Gymnasiallehrerin in Montabaur und ist zugleich eine ausgesprochen konzeptionell arbeitende, renommierte Künstlerin mit zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland.
Das Bild des Vulkans, mit dem wir diesen Atelierbesuch angekündigt hatten, passt perfekt, denn auch, wenn es nach außen manchmal lange still um die Künstlerin erschien, brodelte es unter der Oberfläche weiter.
Bei María Elísa hat sich dieses Brodeln immer wieder in neue künstlerische Formen verwandelt: von der Keramik über die Malerei bis hin zur Collage.
Für ihre Collagen zerschneidet sie Bücher, Kunstdrucke oder Fotografien und fügt die einzelnen Teile zu etwas völlig Neuem zusammen.
Dabei setzt sie sich bewusst selbst Grenzen: oft beschränkt sie sich bei einem Projekt auf das Material eines einzigen Buches.
Ist das Material aufgebraucht, ist auch das Kunstwerk – und damit das Projekt – beendet. Eine selbst auferlegte Begrenzung, die nicht einengt, sondern neue Möglichkeiten eröffnet.
Bevor die Ateliergäste die Kunst Quiaros näher betrachten konnten, waren viele von ihrer außergewöhnlichen Lebensgeschichte bereits zutiefst beeindruckt und sichtlich bewegt von ihrem Mut, ihrer Neugier und den Funken, die sie versprüht – für ihre Schülerinnen und Schüler als Kunstlehrerin sicher eine echte Perle.
Spätestens beim Besuch ihres kleinen Ateliers aber war es um die meisten endgültig geschehen.
Auf engem Raum begegneten die Besucherinnen und Besucher der Fülle ihrer künstlerischen Arbeit – und damit auch den Geschichten, Erinnerungen und Spuren ihrer Familie.
Manche erzählen sich unmittelbar, andere liegen verborgen zwischen Schichten, Fragmenten und neu zusammengesetzten Bildern.
Häufig werden die Werke von eigenen, poetischen Texten begleitet, die den Arbeiten eine weitere, ganz persönliche Ebene hinzufügen.
Die Atmosphäre im Atelier war schließlich geprägt von einer ganz besonderen Stille: jener Sprachlosigkeit, die nicht aus Ratlosigkeit entsteht, sondern aus Begeisterung. So groß war das Staunen über María Elísas Werk, dass es bei dem einen oder anderen sogar Tränen gab.
Und damit ist die Frage beantwortet:
Ja. Man kann vor lauter Staunen weinen.
Quiaros Atelier in den K²-Studios kann samstags von 11-18 Uhr besucht werden.
Der nächste Glut&Gerne Atelierbesuch findet am 10.11. bei Grit Uhlemann statt.